Was ist Bluegrass für mich?

Olav Gläsmer "The Grassroots Philosopher"



Immer wenn ich „meine Musik“ erklären soll, geht es mir wie Pauker Brömmel in Heinrich Spoerls Buch „Die Feuerzangenbowle“. Stellen wir uns mal ganz dumm. Was ist eigentlich Bluegrass? Was steckt im Namen? Blues? Grass (assoziiert mit Drogen, Hippies, freier Liebe usf.)? Hinterwäldlercountry? Jazz? Volksmusik? Was denn noch? Einfach ist es nicht.

Interessant ist der jüngste Diskussionsstand, im Internet nachzuhören. (http://chrispandolfi.com/?p=969 ) Man ist sich einig, uneinig zu sein. Man mag keine Definition geben, weil man meint es nicht zu können, man möchte sich nicht in eine negativ belegte Schublade stecken lassen, man scheut Grenzziehungen; die Motive sind vielfältig. Und darin steckt ein Dilemma. Denn jeder der Bluegrass einmal gehört hat, wird doch immer unbestreitbar wiedererkennen können: „Das ist Bluegrass!“

Und ich finde auch, man muß doch wenigstens in der Lage sein, eine Musikrichtung zu beschreiben.

Ich könnte mich zurücklehnen und auf den Gründer pochen. Bluegrass ist das einzige Musikgenre, das auf eine Person zurückzuführen ist, nämlich auf Bill Monroe (1911 – 1996). Also ist alles, was Bill Monroe und seine Blue Grass Boys spielten, Bluegrass. Ist also nur das Bluegrass, was wie Bill Monroe klingt? Nein, denn das hieße Scheuklappen aufsetzen. Denn wenn man Bill Monroe’s kulturelle und musikalische Bedeutung an seinen vielfältigen Auszeichnungen ermisst, findet man u.a. seine Mitgliedschaft der Nashville Songwriters Hall of Fame, der Rock and Roll Hall of Fame, und der Country Music Hall of Fame, sowie seine Grammy-Auszeichnung.

Bill Monroe als „Father of Bluegrass“ in der Rock and Roll Hall of Fame? Steckt da nicht schon der Wurm drin? Was hat Bluegrass auf einmal mit Rock and Roll zu tun? Ist das nicht schon ein Widerspruch?

Nein, natürlich nicht. Denn die meisten frühen Rock and Roller sind vom Bluegrass inspiriert. Dazu gehören illustre Namen wie Carl Perkins, Chuck Berry und Elvis Presley, der Bill Moroe’s „Blue Moon Of Kentucky“ zu einem frühen Rock and Roll Hit machte. In Rock and Roll steckt also eine gute Prise Bluegrass.

Aber Bluegrass ist nicht etwa eine akustische Vorstufe zum Rock. Zum Verständnis des Bluegrass muß ich mir nämlich  auch die musikalischen Wurzeln vergegenwärtigen, die Bill Monroe zum Bluegrass inspirierten. Bill Monroe lernte Blues von Arnold Schultz, einem schwarzen Gitarristen und europäisch verwurzelte Volksmusik amerikanischer Prägung von seinem Onkel Pendelton Vandiver. Es ging in den Liedern um die Alltagssorgen und Freuden der Menschen in ländlichen Regionen. Die Musikstile von Arnold Schultz und seinem Uncle Pen verband Bill Monroe mit kraftvollem musikalischen Schwung und einem Gesang der allgemein hin als „high and lonesome“, also hoch und einsam bezeichnet wird. Dieser emotionale, durchdringende und zusammen mit anderen Musikern außerordentlich harmonische (Satz-) Gesang hat den gleichen Stellenwert in der Musik, wie die anspruchsvollen und weitestgehend improvisierten Soli der Mandoline, Gitarre, Banjo, Kontrabaß und Geige. Instrumentalstücke führten außerdem den Spagat zwischen alten Melodien und neuen Tempi und Rhythmen durch.

Aber das ist selbstverständlich nicht alles. Wenn ich Bluegrass definieren möchte, muß ich auch die Entwicklung seit den Anfängen bis heute betrachten. Sämtliche Komponenten des Bluegrass haben über die Jahrzehnte Musiker aus allen Richtungen, Bildungsschichten und Berufen so in den Bann gezogen, dass sie sich in das Genre integriert haben oder durch den Bluegrass beeinflusst wurden. Weiterentwicklungen des Genres sind teilweise typisierend mit „Newgrass“, „Spacegrass“, „Dawg Music“ usf. bezeichnet worden. Jerry Garcia, der kreative Kopf der Greatful Dead war tief im Bluegrass verwurzelt und ist stets dorthin zurückgekehrt. Der Spaßmacher und Schauspieler Steve Martin ist bekennender Bluegrass-Banjospieler und beredter Botschafter dieses Genres. Tommy Ramone von der Punk-Gruppe Ramones spielt inzwischen in einem Bluegrass Duo. Der Jazzgitarrist Al DiMeola nennt den Gitarristen Doc Watson als sein Vorbild. Die Bluegrass-Pop Diva Allison Krauss spielte mit dem Led Zeppelin Sänger Robert Plant ein mit dem Grammy ausgezeichnetes Album ein. Die Liste könnte beliebig fortgesetzt werden. Filme wie „Bonny and Clyde“, „Deliverance“ und „Oh Brother Where Art Thou“ haben breiteres Interesse am Bluegrass geschaffen.

Die Wechselwirkung war vielfältig. Das Genre ist gewachsen.

Klassische Musiker wie die Cellisten Yo-Yo Ma und Gary Hoffman, Jazzer wie Saxophonist Bill Evans und Geiger Stephane Grapelli und Rocker wie Pianist Bruce Hornsby haben durch ihre Beteiligung an Bluegrass Projekten ihre Spuren hinterlassen. Andersherum haben Bluegrassbands Pop- und Rock Titel in ihr Repertoire integriert.

Inzwischen kann der Gesang genauso high and lonesome wie weich und schmelzend, die Musik genauso getragen und orchestral wie treibend und roh klingen. Jazz-, Blues-, Pop-, Rock- und andere musikalische Elemente sind im Bluegrass an der Tagesordnung. Bluegrasskapellen flechten zuweilen eine Bach Kantate in ihre Darbietungen ein. Die Musiker haben weitestgehend nicht mehr den ländlichen familiären Hintergrund wie die ursprünglichen Musiker des Genres.

Junge Musiker wie Sarah Jaroz, The Steeldrivers, Yonder Mountain Stringband, Infamous Stringdusters, Punch Brothers weisen dem Bluegrass die Zukunft, indem sie musikalisch neue Wege beschreiten.

Ist damit das Genre Bluegrass aufgeweicht? Ist es gesichtslos geworden?

Nein, denn man ist von den grundsätzlichen Elementen der Musik nie weit entfernt. Wenn die nahezu grenzenlos scheinenden Facetten, Erscheinungsformen und Potentiale des Bluegrass die Sicht zu verstellen drohen, finde ich über eine Abstraktion die Definition des Bluegrass. Und dazu gehört für mich folgendes:
-    Bluegrass ist vorwiegend eine mit Saiteninstrumenten gespielte Musik. Dazu gehört üblicherweise eines oder mehrere der folgenden Instrumente: Geige, Mandoline, Gitarre, (Kontra-) Baß, Banjo, Resonatorgitarre. ?Zwar werden inzwischen unterschiedlichste Instrumente in den Bluegrass integriert, eine reine Blaskapelle spielt allerdings keinen Bluegrass. Bluegrass kann man auch nicht rein computerisiert samplen.

-    Bluegrass wird – hauptsächlich – ohne elektrische Instrumente gespielt. Zwar werden – zuweilen – elektrisch verstärkte Instrumente in das Klangkonzept der Kapellen eingebunden. E-Gitarren und Sythisizer mit meterhohen Verstärkern wird man im Konzert mit den typischen Bluegrassinstrumenten nicht finden.

-    Bluegrass ist eine perfekt orchestrierte Musik, bei der - trotz hohem Improvisationsanteil – der Gesang und jedes Instrument solistisch wie rhythmisch einen festen Platz einnimmt. ?Das ist eine Gemeinsamkeit des Bluegrass mit dem Jazz.?Bluegrass ist eben keine Hinterwäldlermusik in der simple Menschen mit karierten Hemden und Latzhosen einfach so drauflos spielen.

-    Bluegrass ist eine Musik, die Geschichten erzählt, die im Leben der Menschen verwurzelt sind.?Dabei findet keine Ausgrenzung von z.B. Herkunft, Geschlecht, Rasse, Weltanschauung usf. statt. Bluegrass ist eine hochgradig integrative Musik.

-    Bluegrass erhebt ursprüngliche Folksmusik amerikanischen Ursprungs zu virtuoser Kunstmusik.?Dieser Aspekt wird häufig verkannt. Denn Bluegrass ist eben „nur“ etwa 60 Jahre alt und damit jünger als Jazz und unwesentlich älter als Rock and Roll.

Insofern ist Bluegrass über die Jahre auch synonym mit Begriffen gesetzt worden wie Country-Jazz, Roots-Music und „Folk-Music With Overdrive“.

Und genau das ist Bluegrass für mich, auch wenn ich manchmal auf einer Jam-Session (Musikertreffen) „Ghostriders In The Sky“ zusammen mit Musikern spiele, die eine Mariachi Trompete, eine singende Säge und eine Tin-Whistle dabei haben.