Im Bluegrass finden sich Elemente traditioneller Folk Musik europäischer Auswanderer z.B. aus Irland und England, Klänge der afrikanischen Sklaven und weiße/schwarze Kirchenmusik die sich in den ländlich geprägten südöstlichen Staaten der USA zu einer besonderen Form vereint haben. Bill Monroe mit seiner legendären Band The Bluegrass Boys (benannt nach ihrem Herkunftsstaat Kentucky, wo das Gras eine besondere bläuliche Farbe hat) erfand in den 40er Jahren diese Mischung. Instrumente sind Geige (Fiddle), fünfsaitiges Banjo, Mandoline, Gitarre, Kontrabass und gelegentlich die waagrecht gespielte Hawaiigitarre, genannt Dobro.

Guter Bluegrass mit seinen starken Improvisationselementen ist zwar technisch mindestens so anspruchsvoll und komplex wie Jazz (manche bezeichnen ihn auch als "Jazz from the Hills"), dennoch spielt der Gesang (als dominierendes Element) die Hauptrolle. Intensive Solostimmen sowie zwei- bis vierstimmige Vokalsätze in den Refrains begeistern selbst das anspruchsvollste Publikum. Die Themen der alten genauso wie der neuen Songs decken wie in jeder Volksmusik die gesamte Bandbreite der Lebenserfahrungen und -philosophien ab. Sie handeln, entgegen vieler Vorurteile, nur selten von Pferden, Trucks oder Cowboys, sondern spiegeln vielmehr das Phänomen des "White Man's Blues" wieder: Love, Life, Joy, Loss and Death, Places... Die Musik ist immer noch tief verwurzelt im Alltagsleben eines Teils der dortigen Bevölkerung und wird oft in familiärem und gemeinsamem Umfeld praktiziert. Die Stücke werden oft von Generation zu Generation überliefert und weiterentwickelt. Das ist ein Grund, warum der Szene so viele junge hoch talentierte Musiker zur Verfügung stehen und immer wieder ganze Familien bzw. Brüder und Schwestern auf einer Bühne zu sehen sind. Dennoch entstehen immer wieder neue, zeitgemäße Stücke auf der Basis des alten Sounds. Inzwischen spielen und komponieren Musiker aus allen Regionen der USA und anderer Kontinente bei weitem nicht nurim ländlichen Umfeld und bringen aus anderem Blickwinkel neue Elemente ins Bluegrass-Spiel. Nur durch diese erfrischende Infusion konnte sich der alte Stil so lange behaupten und gleichzeitig laufend erneuern, ein Ende ist nicht abzusehen und wohl einmalig in der jüngeren Musikgeschichte.

 
Im Schatten der erfolgreichen Country-Ableger wie Rock'n'Roll, Rock und Electric Country hatten die akustischen Klänge stets einen schweren Stand: Musiker wie Bill Monroe, Flatt & Scruggs und die Stanley Brothers gingen den harten Weg des Unkommerziellen. Erst durch die Erfolge im Folk-Revival der 60er Jahre wurde die Bluegrass Music, die schnelle, fast jazzartige und hochvirtuose Form der Appalachenmusik, von einer steigenden Zahl von Fans geschätzt. Durch unzählige Bluegrass-Festivals sowie Konzerte in Theatern und Hallen entstand eine Lebensgrundlage für professionelle Bands, die dadurch die Musik zu neuen Höhen weiterentwickeln konnten.
"O brother where art thou.?" - der preisgekrönte Film-Hit der Coen-Brothers hat einen großen Teil zu einer Renaissance der ländlichen Musik aus den Südstaaten der USA beigetragen. Gerade in Europa, wo die Genres Bluegrass, Oldtime und Acoustic Country bislang eher einem begeisterten Fachpublikum geläufig waren, ist eine Hillbilly Welle ausgebrochen. Vor allem junges Publikum hat Film-DVD und Soundtrack in enormer Stückzahl aus den Läden getragen und scheint mehr denn je angetan von Einfachheit und tiefer Emotionalität der Musik aus den Appalachen. Ein Trend, der in der aktuellen Rockmusik ebenfalls auszumachen ist, akustische Instrumente und reduzierte Sounds bestimmen einen neuen Klang, der deutlich Richtung Folk tendiert. Kürzlich erst gewann mit „Broken Circle“ ein Film mit reinem Bluegrass Soundtrack den Publikumspreis der Berlinale.

Mittlerweile sind auch in Europa in den letzten Jahren verstärkt Künstler der Spitzenklasse aufgetreten (z.B. The Wilders, Uncle Earl, The Infamous Stringdusters, Crooked Still, Lynn Morris, Laurie Lewis, Steep Canyon Rangers oder Del McCoury) und haben ein begeistertes Publikum mit dem Wunsch nach mehr Bluegrass-Input vorgefunden. Und endlich werden Bluegrass-Bands auch verstärkt als attraktive Facette in der Weltmusikszene wahrgenommen: So buchte etwa das größte deutsche Weltmusikfestival in Rudolstadt Bluegrass Topstar Lynn Morris und beim Amerika-Schwerpunkt des Festivals 2007 Valerie Smith & Liberty Pike und die Neo-Oldtime Truppe The Crooked Jades sowie 2009 die Banjo Rapper „Deadly Gentlemen“ und das HipHop Bluegrass Crossover Projekt „Gangstagrass“. Eine steigende Zahl Bluegrass Festivals ist in den letzten Jahren zu Publikumsmagneten geworden: Neben der wegweisenden Bluegrass Jamboree Tournee, die mittlerweile pro Jahrgang ca. 6000 Besucher bei steigender Tendenz erreicht, finden an vielen Orten weitere Festivals statt, oft mit den üblichen Parking-Lot Jam Sessions und Workshops zur Spieltechnik. Ein musikalisches Phänomen, das auch die Feuilletons erreicht - so pries die Süddeutsche Bluegrass als „Wurzel der Popmusik“. WDR und Deutschlandradio präsentieren regelmäßig ausführliche Mitschnitte und begleiten die Tourneen medial.

Text: Rainer Zellner   Foto: Dieter Rahner